Eine Beerdigung
im ländlichen Thailand

Während unserer Thailandreise im Juli/August 1995 konnten wir eine Beerdigung im ländlichen Thailand in allen Details miterleben. Da weit mehr als 90 % der Thaibevölkerung Buddhisten sind, läuft eine solche Beerdigung ganz anders ab als bei uns. Um Ihnen das einmal näher zu bringen hier unser Bericht:

Sarggeschäft in Nordthailand. Lager eines Sargbauers in Chiang Mai.










Am 13. August 1995, gegen 17.00 Uhr, war in Ban Don Mai Fai der Onkel meiner Frau verstorben. Ban Don Mai Fai ist ein kleiner Ort auf der Korat-Ebene im nordöstlichen Thailand und liegt im Isan. Der Isan gilt als ärmste und unfruchtbarste Region des Landes.

Traditionelle Fußwaschung des Verstorbenen.

Die Nachricht erhielten wir durch einen Enkel des entschlafenen Onkels im Haus der Schwiegereltern, der eigens angereist war, um die Todesnachricht zu überbringen. Der verstorbene Onkel hatte einige Tage in einem Krankenhaus gelegen und war dann zum Sterben nach Hause geschickt worden, weil man im Krankenhaus keine Möglichkeit mehr sah, ihm zu helfen.

Nun leben die Schwiegereltern auch in einem kleinen Ort, der etwa 120 km nördlich von Chantaburi, mitten auf dem Land und nur knappe 20 km von der Grenze nach Kambodscha entfernt liegt. Ein Auto und Telefon waren damals dort nicht vorhanden. So mussten wir mit einem Moped erst einige Kilometer zu einem Telefon fahren, um von hier im nächsten Ort ein Taxi zu bestellen, das uns noch am gleichen Nachmittag nach Ban Don Mai Fai bringen würde, damit wir an der Beerdigung teilnehmen konnten.

Irgendwie funktionierte es und das Auto kam gegen 15.00 Uhr. Wir hatten inzwischen das Nötigste für zwei bis drei Tage zusammengepackt, luden die Sachen ins Auto und fuhren los. Die Fahrt dauerte gute fünf Stunden und als wir endlich gegen 20.00 Uhr beim Haus der Tante eintrafen, war es bereits stockdunkel.

Schon beim Abbiegen von der Hauptstraße auf die Seitenstraße im Ort, in der das Haus des Onkels steht, war der zeremonielle Singsang der buddhistischen Mönche zu hören, der allabendlich – bis zur Verbrennungszeremonie – abgehalten wird. Diese Zeremonie dauerte ca. zwei Stunden und wurde über Lautsprecher im Haus und zwei große Lautsprecherboxen vor dem Haus auf voller Lautstärke in die Nachbarschaft übertragen.

Das Haus des Onkels ist eines jener typischen Holzhäuser in Pfahlbauweise. Das heißt, dass sich das eigentliche Haus etwa zwei Meter hoch auf Pfählen befindet. Diese Bauweise wird im ländlichen Thailand häufig gewählt, da das Land in der Regenzeit oft unter Wasser steht. Zum Haus selbst führt eine alte und nicht mehr ganz Vertrauen erweckende Holzstiege hinauf, über die wir schließlich ins Haus gelangten.

Anwesend waren um die 60 Trauergäste, die zum Großteil alle aus der Familie waren. Den Rest stellten Nachbarn und Freunde dar. Gut die Hälfte von ihnen hatte sich auf dem Fußboden im Haus niedergelassen, die anderen hielten sich unter oder vor dem Haus auf. In der rechts vom Eingang gelegenen Hausecke war der Sarg mit dem verstorbenen Onkel aufgebahrt. Er bestand aus einfachen und roh zusammen gezimmerten Holzbrettern und war außen mit schwarzem Papier überklebt. Die Kanten waren mit weißen Papierstreifen abgesetzt. Ein Deckel war nicht vorhanden. Später erfuhr ich, dass der Sarg von der Familie selbst angefertigt worden war, weil für einen Kauf nicht genügend Geld aufgebracht werden konnte, und die drei Tage andauernden Beerdigungsfeierlichkeiten noch teuer genug würden.

Der im Haus aufgebaute Sarg.

Die Innenausstattung des Sarges bestand aus einer einfachen roten Matratze, wie sie hier allgemein als Schlafstätte benutzt wird. Der Onkel war vollständig eingekleidet und nur mit einem großen, weißen Papierbogen abgedeckt. Soweit die Beschreibung des eigentlichen Sarges. Umschlossen wurde das Ganze komplett von einem rotgoldenen, reichlich mit buddhistischen und mythologischen Ornamenten versehenen Übersarg, der vollständig auseinander zu nehmen war und vom nahe gelegenen Wat (Kloster) kostenfrei zur Verfügung gestellt wurde. Dadurch war bei der Aufbahrung im Haus von dem eigentlichen Sarg, der später auch verbrannt werden sollte, nichts mehr zu sehen.

Aber auch vom Übersarg war nicht mehr viel sichtbar, da er fast vollständig mit Blumenschmuck abgedeckt war. Zusätzlich war eine lange, bunte und blinkende Lichterkette in den Blumenschmuck integriert worden, die Tag und Nacht unaufhörlich blinkte. Die Raumecke war mit schwarzem Tuch bespannt und an der hinteren Wand waren der Name, das Geburts- und Sterbedatum sowie das Alter des Onkels angegeben. Links vor dem Sarg stand ein Ständer, auf dem ein großes Foto des Onkels war. Mittig davor, auf dem Boden, befand sich eine Opferschale, in der die Trauergäste Kerzen und Räucherstäbchen zu Ehren des Verstorbenen abbrennen konnten.

Die Mönche bei der Trauerzeremonie im Haus.

An der rechten Wand, etwas vom Sarg weg, in Richtung Hauseingang, saßen die Mönche des Wat Ban Don Mai Fai und hielten ihre Zeremonie. Für den Auftritt der Mönche ist eine Spende an das Wat fällig. Diese betrug pro Tag und Mönch 500 Baht (ca. 10 €), was bei den drei Tagen im Falle des Onkels eine Gesamtsumme von 6.000 Baht (ca. 120 €) ausmachte.

Gegen 21.00 Uhr waren die Mönche mit ihrer Zeremonie fertig und wir konnten unser Quartier im Hause der Cousine meiner Frau, die gleich nebenan wohnt, beziehen. Hier war auch ein Großteil der übrigen Verwandtschaft untergebracht, die ebenfalls von außerhalb, teilweise aus entfernten Landesteilen angereist waren. Nachdem die Mönche mit ihrer Zeremonie fertig waren und ihre Rückkehr zum Wat angetreten hatten, wurde über Lautsprecher (wieder in voller Lautstärke) Trauermusik abgespielt. Da diese auch ununterbrochen die ganze Nacht über gespielt wurde, war an einen gesunden Schlaf in dieser Nacht kaum zu denken.

Der Sargwagen vom Wat.

Am nächsten Abend spielte sich wieder die gleiche Zeremonie ab, nachdem die Trauermusik auch den ganzen Tag über gespielt worden war. Die eigentliche Beerdigung bzw. Verbrennung war für den nächsten Morgen angesetzt. Am Nachmittag des Vortages wurden bereits einige Vorbereitungen getroffen. Dazu gehörte die Besorgung des Sargwagens, der ebenfalls in den traditionellen Watfarben rot und golden gehalten war. Am hinteren Ende des Wagens befand sich ein richtiges Steuerrad, mit dem die vordere Achse gelenkt werden konnte. Er hatte vier große Speichenräder, die mit Vollgummi bereift waren und wie Fahrradräder aussahen. An beiden Seiten des Wagens befand sich vorne eine Naga-Schlange (schlangenähnliches Wesen) aus der Thai-Mythologie.

Haare schneiden als Vorbereitung auf das Leben als Mönch.

Es ist in Thailand üblich dass jeder gläubige Buddhist einmal im Leben ins Kloster geht, um hier eine Zeit als Mönch zu verbringen. Beerdigungen sind dabei ein beliebter Zeitpunkt, um dieser freiwilligen „Verpflichtung“ nachzukommen. So geschah es auch in der Familie des verstorbenen Onkels, indem sich fünf Familienmitglieder, bestehend aus Söhnen und Enkeln, dazu bereit fanden. Dadurch erwarben sie eine gehörige Portion religiöser Verdienste, denn dies ist eine gute Tat im Sinne des Buddhismus, die dem verstorbenen Onkel zugeschrieben wird. Diese fünf, von denen der jüngste gerade einmal acht Jahre alt war, erhielten nun eine Glatze geschnitten und fein sauber poliert. Die Einkleidung in das safrangelbe Mönchsgewand fand noch vor 6.00 Uhr am nächsten Morgen statt.

Frisch gebackene Mönche.

Wegen der lauten Musik war auch in der kommenden Nacht kaum an Schlaf zu denken. Und so waren wir bereits um 5.30 Uhr am Morgen wieder auf den Beinen. Die fünf frisch gebackenen Mönche waren bereits eingekleidet. Die beiden jüngsten standen herum und es schien mir gerade so, als ob sie noch nicht recht begriffen hätten, was hier mit ihnen geschieht...

Trotz der frühen Stunde herrschte bereits hektisches Treiben. Das Frühstück für die ganze Trauergesellschaft und die Mönche vom Wat, die man wieder für die vorbereitende Zeremonie zur Beerdigung erwartete, wurde vorbereitet. Der Sargwagen war bereits vor dem Haus bereitgestellt und der Blumenschmuck vom Übersarg wurde abgebaut und aus dem Haus getragen.

Gegen 9.00 Uhr kamen dann die Mönche aus dem Wat. Zuerst wurden sie beköstigt, bevor sie mit ihrer Zeremonie anfingen, dessen Sprechgesang wieder über die Lautsprecherboxen übertragen wurde. Im Anschluss daran wurde der Sarg im Haus mit dem draußen bereitstehenden Sargwagen durch einen gesegneten weißen Wollfaden verbunden, ehe er über die schmale und schon etwas brüchige Stiege aus dem Haus getragen wurde. Ein solcher weißer und heiliger Wollfaden wird später vor der Verbrennung oft auch dreimal um das Krematorium oder den Scheiterhaufen geführt. Beim Heraustragen des Sarges aus dem Haus ist es wichtig, dass dies mit dem Fußende voran geschieht.

Die Mönche verlassen das Haus.

Alles lief glatt – bis auf den Verwesungsgeruch, der sich seit dem Entfernen des Übersarges wegen der Wärme überall breitmachte. Während der Sarg aus dem Haus getragen wurde, begann ein Feuerwerk. Knallkörper wurden gezündet und Raketen in den Himmel geschossen. Dazu kommt eigens ein ausgebildeter Feuerwerker, der dies berufsmäßig macht und damit für sich und seine Familie den Lebensunterhalt verdient. Das Ganze dient dazu die bösen Geister zu vertreiben.

Der Trauerzug auf dem Weg zum Wat.

Auf dem Sargwagen wurde alles wieder aufgebaut: der Übersarg und der Blumenschmuck. Ein langes Seil war vorne am Wagen befestigt worden, an dem sich nun der Trauerzug formierte, um damit den Wagen zu ziehen. Schließlich ging es los und der Trauerzug setzte sich in Bewegung zum Wat, wo nun bald die Verbrennungszeremonie stattfinden sollte. Vor dem Sargwagen befanden sich die Mönche des Wats, die den heiligen weißen Wollfaden hielten, der am Sarg befestigt war. Ihnen voran gingen die Familienangehörigen, die ein Bild des Verstorbenen trugen. Ganz vorne ging jedoch der Gehilfe des Feuerwerkers. Seine Aufgabe war es, etwa alle 15 Meter eine Serie Knallfrösche zu zünden und auf die Straße zu werfen, damit die bösen Geister den Trauerzug in Ruhe ließen. Um diese Geister zu befriedigen, die bei Bestattungsaktivitäten massenhaft angezogen werden, wird häufig unterwegs auch Reis verstreut.

Knallfrösche zur Vertreibung der bösen Geister.

Am Wat angekommen wurden erst einmal Getränke mit Eis an die Trauergäste verteilt, da es recht heiß war und das Ganze in der prallen Sonne und ohne schützenden Schatten unter freiem Himmel stattfand.

In den letzten zwei Jahrzehnten des ausgehenden 20. Jahrhunderts wurden in vielen Wats diese kleinen Krematorien gebaut, die meistens schon von weitem an ihren hohen Schornsteinen erkennbar sind. So auch im Wat Ban Don Mai Fai. Dieses war jedoch zum Zeitpunkt der Beerdigung noch nicht ganz fertig gestellt und daher auch noch nicht einsatzbereit. So befand sich für die Verbrennung in einer freien, äußeren Ecke des Watgeländes der am Vortag aufgeschichtete Scheiterhaufen, auf dem nun die Verbrennung stattfinden sollte. Doch bevor es endgültig soweit war, wurde von den Mönchen nochmals eine entsprechende Trauerzeremonie abgehalten. Im Anschluss an diesen, für Außenstehende recht eintönig klingenden Sprechgesangs des Suadnitcha, das von der Unentgänglichkeit des Leidens und Todes erzählt, wurden den Mönchen des Wats noch zahlreiche Spenden wie Geld und neue, safrangelbe Mönchsgewänder übergeben.

Der aufgebaute Sarg auf dem Watgelände. Die Mönche nehmen die Geschenke entgegen.










Der eigentliche Sarg mit dem verstorbenen Onkel.

Gegen 10.30 Uhr war es endlich soweit. Der Blumenschmuck wurde entfernt und der wateigene Übersarg, der natürlich nicht mit verbrannt wird, abgebaut. Der nun offen liegende, eigentliche Sarg wurde vom Sargwagen herunter gehoben und zum Scheiterhaufen getragen. Die Mönche aus dem Wat bildeten dabei wieder die Spitze des Zuges. Bevor der Sarg auf den Scheiterhaufen gestellt wurde, trugen ihn die Sargträger dreimal entgegen der Uhrzeigerrichtung um diesen herum. Das ist eine Abwandlung der alten rituellen Geisterzeremonie, bei der der Sarg dreimal ums Haus getragen wurde, ehe er dann zum Verbrennungsort transportiert wurde. Das diente mit dazu, den Geist des Verstorbenen zu verwirren, damit er nicht mehr zurück ins Haus finden und dort Schabernack treiben konnte.

Der Sarg wird dreimal entgegen dem Uhrzeigersinn um den Scheiterhaufen getragen.

Dann war auch diese letzte Zeremonie vorbei und der Sarg wurde auf den Scheiterhaufen gehoben. Einer der Mönche, der ehrwürdigste, stieg hinauf und prüfte letztmalig den Zustand des Leichnams und entfernte ein weißes, den Tod symbolisierendes Tuch. Häufig wird dann von zwei Mönchen noch Kokosmilch über das Gesicht des Toten gegossen und die Verwandten segnen ihn ein letztes Mal, indem sie parfümiertes Wasser über den Leichnam sprengen. Dann wurde eine Flasche mit Benzin geleert, damit sich das Feuer schneller ausbreiten konnte. Anschließend wurde der Scheiterhaufen an beiden Enden gleichzeitig angezündet. Dies mussten die Angehörigen selber machen, da die Mönche es nicht machen dürfen, denn nach dem buddhistischen Glauben darf keinem Lebewesen ein Leid zugefügt werden. Da sich nun aber über Nacht zahlreiche Kleintiere wie Insekten oder die überall anwesenden Geckos dort eingenistet haben könnten, die durch das Feuer getötet würden, darf dieses nicht von Mönchen entzündet werden, denn die Mönche sind ja schließlich heilige Männer.

Einige alte Reiseschriftsteller, die von solchen Verbrennungszeremonien in Thailand berichten, schrieben, dass sich die Körper der Verstorbenen bei dem Verbrennungsvorgang – zum Entsetzen für alle Anwesenden gut sichtbar – im Sarg noch einmal aufgerichtet hätten. Das hat nichts damit zutun, dass die entsprechenden Personen noch nicht tot gewesen wären, sondern ist ein ganz natürlicher, durch die Hitze des Feuers verursachter Prozess. Um diesen Vorgang, der sicherlich sehr schauerlich und unangenehm wirkt, zu verhindern, hatte man den Onkel vor dem Anzünden des Scheiterhaufens in seinem Sarg auf den Bauch gedreht und außerdem mit Holz beschwert. Dadurch wurde der Vorgang des Aufrichtens verhindert.

Der lichterloh brennende Sarg auf dem Scheiterhaufen.

Das Feuer wollte sich, dank der Mithilfe des benutzten Benzins, schnell ausbreiten. Es wurde jedoch anfangs von etlichen der Trauergäste immer wieder eingedämmt, indem diese von Zeit zu Zeit Wasser, das zuvor von den Mönchen geweiht worden war, ins Feuer gossen. Nach einer guten halben Stunde brannte es schließlich lichterloh und die Flammen schlugen an die zwei Meter hoch hinaus. Zu diesem Zeitpunkt leerte sich das Watgelände und die meisten Trauergäste machten sich auf den Weg nach Hause. Wir blieben noch, bis der Sarg ganz in sich zusammenfiel. Meine Befürchtung, der verstorbene Onkel wäre irgendwann dabei noch einmal sichtbar geworden bestätigte sich nicht.

Bestattungs-Chedis zur Aufnahme der Urnen mit der Asche der Verstorbenen auf dem Gelände eines Herstellerbetriebes. Bestattungs-Chedis auf dem Friedhofsgelände eines Wats. Jeder Chedi enthält eine Urne.












Ein typisches kleines Krematorium auf dem Gelände eines Wats.



Auch in Thailand ist die Bestattungskultur weiter voran geschritten. Heute gibt es fast auf jedem Watgelände ein kleines Krematorium. Hier ein paar Aufnahmen.


Text: Axel Ertelt

Fotos: Axel und Thawee Ertelt

Weitere Thailandberichte.








Blick auf die geschlossene Tür des Krematoriumofens. Blick hinter die Kulissen: Die geöffnete Ofentür erlaubt einen Blick auf das Ofeninnere.























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